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verächtlich oder achtsam

Beim Beurteilen Anderer sind wir unglaublich schnell. Im Bruchteil einer Sekunde entscheidet unser Gehirn über gut und schlecht, mag ich oder mag ich nicht. Nicht selten tappen wir so in die Falle unserer Vorurteile und Gewohnheiten und sagen: „So war´s schon immer.“ und „Die sind halt so.“ Gut, wenn wir es merken, wo uns der Blick für Hintergründe und Tiefe fehlt. Und wie heilsam, wenn wir sensibel werden für Traditionen und kirchliche Machtstrukturen, die die einen über andere erheben: die Männer über Frauen, Geweihte über Laien, vermeintlich Perfekte über Gescheiterte, traditionelle Familien über andere Lebensformen usw.

Jesus lässt sich auf Überheblichkeit nicht im Geringsten ein. „Ich verurteile dich nicht.“ sagt er zu der des Ehebruchs angeklagten Frau und widersteht den gestrengen Wächtern von Moral und Gesetz, die ihm eine Falle stellen möchten. Diese sind dann doch noch fähig zu spüren, wie wenig sie von der angeklagten Frau in ihrer Mitte trennt. In Jesu Nähe gelten Gesetze nichts, wenn die Liebe verletzt und die Würde des Menschen missachtet wird.

Ein Wort meines geistlichen Begleiters aus Studienzeiten bewegt mich seit 25 Jahren in der Seelsorge: „Der Geist Gottes verachtet niemanden“. Wie herausfordernd immer wieder, aber vor allem auch wie schön, in diesem Geist durch den Tag zu gehen!

Und der muslimische Mystiker Rumi sagt: „Zwischen richtig und falsch, da ist ein freies Feld, da will ich dir begegnen.“ Ich wünsche uns, dass dieses freie Feld der Achtsamkeit, des Tiefersehens und der Sehnsucht einander zu begegnen, wie wir wirklich sind, immer wieder eine Chance hat.

 

Sr. Mareile Hartl MC

 

5. Fastensonntag / Johannes 8, 1-11

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