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Hirtengeschichte

Zehn Jahre lag habe ich zusammen mit einer Mitschwester in einem Dorf in Kroatien gelebt. Wir haben gelebt, so wie die meisten Menschen dort auch: Wir bearbeiteten einen großen Garten, einen Weinberg, einen Kartoffelacker, ein Maisfeld und eine Wiese; wir hatten eine Kuh, ein paar Schweine und Hühner. Es war uns wichtig, für unser Hab und Gut zu sorgen. So konnten wir unseren Unterhalt bestreiten. Eines frühen Morgens gab es großen Lärm in der Nähe unserer Wiese. Als wir schlaftrunken hinunterliefen, um die Ursache dieses Geschreis zu entdecken, sahen wir eine Schafherde, die ein Hirt in der Nacht zum Weiden auf die Wiesen unseres Dorfes geführt hatte. Das ging ja nun wirklich nicht, was fiel denn diesem Schäfer ein!

Zur Rede gestellt, erzählte er: In seiner Heimat Bosnien war eine große Trockenheit ausgebrochen. Er fand für seine Schafe einfach nicht mehr genug Gras und so zog er mit ihnen – ziemlich verzweifelt – durch die Dörfer in Kroatien. Er hat vieles auf sich genommen, damit seine Schafe fressen konnten, wurde oft dafür beschimpft und musste wieder weiterziehen. Aber die Sorge für seine Schafe war größer, er konnte sie nicht im Stich lassen. Er erzählte, dass er krank war, aber jede Nacht im Freien schlief. „Ich kann die Schafe nicht allein lassen“, erklärte er „und ein Anderer kann sie auch nicht hüten. Sie kennen nur mich und gehen mir nach, und ich kenne sie alle. Vor einem fremden Menschen haben sie Angst. Nur wenn ich dabei bin, sind sie ruhig und fürchten sich nicht, sie weiden und können so überleben.“

Die Dorfbewohner wollten ihn aber so schnell wie möglich wieder los werden. Wir Schwestern hatten nicht den Mut, zu bitten, dass seine Schafe wenigstens ein, zwei Tage lang auf unseren Wiesen weiden durften. Er konnte nicht in unserem Dorf bleiben; die Leute verjagten ihn wütend.

Mir ist damals das heutige Evangelium eingefallen, wo Jesus sich mit einem guten Hirten vergleicht: „Ich kenne meine Schafe und sie folgen mir. Sie werden niemals zugrunde gehen.“

Jesus liegt das Wohl von uns allen, die wir ihm anvertraut sind, am Herzen. Er sorgt für uns, er will dass es uns gut geht, dass es uns an nichts fehlt. Er hat uns nie aufgegeben. Und er verspricht uns Leben, ewiges Leben.

 

Sr. Margarita Erlacher MC

 

4. Sonntag der Osterzeit / Johannes 10, 27-30

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