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geschwisterlich berührt

Ist Ihnen der gregorianische Gesang zur Verabschiedung eines Verstorbenen "In paradisum ..." bekannt? In der lateinischen Originalversion, die auch im Gotteslob erhalten ist, kommt der arme Lazarus vor, von dem das Sonntagsevangelium dieser Woche erzählt.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: da ist Einer mit einem satten vergnüglichen Lebensstil im Prunkhaus, direkt davor ein Bettler als ein Häuflein Elend und in Entwürdigung. Dass uns als Hörer-/Leserschaft die beiden Figuren gleichzeitig vor Augen geführt werden, dient zweifelsohne der Reflexion unserer Verhaltensweisen. Ebenso die zweite Szene, worauf diese Geschichte "es war einmal ..." hinaus will.

Beim Namen genannt wird der arme Lazarus und nicht der scheinbar glückliche Mann. Der wiederum kommt mächtig zu Wort, will Lazarus sogar über Abraham veranlassen, ihm zu dienen. Mit Lazarus selber kommt er aber bis zuletzt nicht in Berührung. Er versucht zwar wenigstens, der eigenen Sippe die "ganze" Realität des Lebens zur Erfahrung zu bringen. Aber an und für sich sollten sie wissen, dass der arme Mensch nebenan Hilfe braucht, wenn sie ihre Augen und Ohren nicht verschließen würden.

Natürlich ist es überfordernd, bei jeder offenen Hand z.B. in einer Großstadt mein Herz bluten zu lassen. Es steht oft auch ein grundlegenderer Systemfehler dahinter, den ich nicht guten Gewissens unterstützen kann. Aber wenn die Not der Menschen mich nicht mehr erreicht und mich gar nicht bewegt zu irgendeiner kleinen Konsequenz im Leben, dann sollten wir dieses Evangelium noch einmal betrachten und fragen, auf welche Weise es konkret werden kann, was ich vom Evangelium verstanden habe.

"Der arme Lazarus" begrüßt einen beim Betreten des Paradieses. Die „armen Lazarusse“ unserer Lebenszeit freuen sich auch schon über einen ebenbürtigen Blick, der uns wieder zu Schwestern und Brüdern macht.

Sr. Joanna Jimin Lee MC

26. Sonntag im Jahreskreis / Lukas 16, 19-31

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