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Trau dich!

Das tut wohl! So viel Wertschätzung, so viel Zuspruch. Balsam für die Seele sind die Worte des Evangeliums, eine wunderschöne Beschreibung der Würde des Menschen und eine Liebeserklärung Jesu. Und am Anfang steht das Wort: „Fürchtet euch nicht!“

Wenn ich mich aber trotzdem nicht traue? Wir sind alle voller Gründe, die das durchaus rechtfertigen. Nicht jeder konnte so viel Selbstbewusstsein im Leben entwickeln. Nicht jede hat so viel Wertschätzung erfahren, die die Furcht überwinden hilft. Nicht jede ist sich ihrer Sache so sicher. Leiste ich dem Kollegen Widerstand, der mich aus dem Betrieb mobben will? Unterstütze ich muslimische Flüchtlinge, auch wenn der Rechtfertigungsdruck in meinem Umfeld wächst? 

Oute ich mich, dass meine Rente nicht für's Essen reicht und ich als Ehrenamtliche jetzt selbst Hilfe brauche?  Verlasse ich den Partner, der mein Leben zerstört? Fordere ich als Mensch mit Behinderung mein Recht auf  Teilhabe ein? ….

Das sind ganz alltägliche Beispiele aus meinen Begegnungen als Seelsorgerin, die echte Bekenntnisse erfordern. Wie schwer fällt es dabei oft, nicht mehr kontrollieren zu können was geschieht, wenn man sich traut.

Ich gehöre selber auch nicht zu den Mutigsten. Um so dankbarer bin ich für den Zuspruch, ja den Auftrag, der in der gesamten Bibel immer und immer wieder vorkommt: „Fürchte dich nicht!“ Wo der Geist des Herrn ist, darf ich frei sein. Frei von Angst, alles richtig zu machen zu müssen oder nicht verstanden zu werden. Unabhängig von Anerkennung, Sicherheit, Zwängen und Gewohnheiten, die zu eng werden. Ja, ich darf und soll mich trauen.

Solche Freiheit wird erst aus einer tieferen Bindung heraus möglich. Nach meiner persönlichen Erfahrung macht vor allem die Liebe mutiger: Die Liebe zu einem Menschen, zu einem höheren Wert, die Liebe zu Gott. „Liebe, und tu was du willst“, so sagt es Augustinus in erfrischender Weise. Eine den Menschen befreiende Spiritualität, die Jesu Geist atmet, rührt dabei selbst notgedrungen an Sicherheiten, erhöht die Niedrigen, beschenkt die Hungrigen, geht in Treue den im eigenen Gewissen tief erkannten Weg. Mit Widerstand ist zu rechnen.

 

Sr. Mareile Hartl MC

 

12. So im Jahreskreis / Matthäus 10, 26-33

 

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